Postgeschichte

 

1885 BIS 2019
ÜBER 130 JAHRE POSTDIENSTLEISTUNGEN IN ZERSDORF

Landbriefträger - Posthülfsstelle - Postagentur - Post - Postfiliale...

Der bislang früheste Nachweis des Postwesens für und in Zernsdorf ist im "Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Potsdam und der Stadt Berlin Nr. 16 v. 20. April 1855" auf Seite 136 zu finden:
 

 

Amtsblatt 20. April 1855

Durch den Bau der Chaussee Königswusterhausen-Zernsdorf (1888) und der Bahnlinie Königswusterhausen-Grunow (1898), wurde der bis dahin durch Ziegeleien zwar bekannte, sonst aber wirtschaftlich eher unbedeutende, Ort nun auch interessant für die Anlage von weiteren Industriebetrieben: Die Imprägnieranstalt von Hülsberg & Co, die C.F. Schwendy Teppich- u. Moquettegarnfabrik, die Dachstoff- und Imprägnierfabrik und eine Kalksandsteinfabrik entstanden. Diese Industrialisierung prägte nicht nur die Bevölkerungsstruktur, sondern sie zog auch zahlreiches Dienstleistungsgewerbe nach sich. So ist es kein Wunder, dass gleichzeitig mit den Betrieben und der Bahnlinie eine "Posthülfsstelle" in Zernsdorf eingerichtet wurden ("Amtsblatt der königlichen Regierung zu Potsdam und der Stadt Berlin, Nr. 42 v. 18. Oktober 1889, S. 380"). In welchem Gebäude sich diese Stelle befunden hat, blieb offen. Nur die Zuordnung zum Bestellbezirk Königswusterhausen wurde benannt.
Neun Jahre später wird die Hülfstelle im Empfangsgebäude des Zernsdorfer Bahnhofs angegeben. ("Amtsblatt des Reichs-Postamtes Nr. 56 v. 21. Oktober 1898")[*]. Dies ergab sich praktischerweise daher, weil in dieser Zeit die tägliche Post zwischen Zernsdorf und Königswusterhausen nicht mehr zu Fuß sondern per Bahn befördert wurde.

Einrichtung einer Postagentur, 1904

Bereits acht Jahre später (1904) wurde wegen des gestiegenen Postaufkommens - Briefpost, Einschreiben und Wertsendungen - eine Postagentur in Zernsdorf eingerichtet. (Nebenstehend ein Ausschnitt des Amtsblattes Nr. 13 v. 1. April 1904, S. 120) Auch diese Agentur war dem Kaiserlichen Postamt in Königs-Wusterhausen unterstellt und gehörte somit zur Oberpostdirektion Potsdam. Befördert wurden die Postsendungen wie vordem per Bahn: 7.30 Uhr und 11.38 Uhr vormittags und 15.37 und 18.52 Uhr am Nachmittag.
Und weil vermutlich die Räumlichkeiten im Bahnhof für diese erweiterten Tätigkeiten nicht mehr ausreichten, musste dann auch ein anderer Ort gefunden werden. Die Postkarte von 1912 zeigt dafür die Triftstraße 13.

Die Postagentur wird hier etwas hochtrabend "Kaiserliches Postamt" genannt. Im Unterschied zum Postamt bot eine Postagentur, wie hier in Zernsdorf, aber keinen Telegrafenbetrieb an.
Viele Zernsdorfer (und vor allem diejenigen, die einst in diesem Haus sogar geboren wurden) waren erstaunt dass sich in der Triftstraße Nr. 13 eine Postagentur befunden hatte. Wohl nur für kurze Zeit - denn schon 12 Jahre später war das Haus ein ganz normales Mehrfamilienhaus. Und niemand erinnerte sich an dessen Vorgeschichte. Die Löcher für Postschild und Briefkasten sind heute (2019) noch in der Fassade neben der Eingangstür zu erkennen.

1924 - Die Triftstraße 13 ist ein ganz normales Wohnhaus
1924 - Die Triftstraße 13 ist nun ein normales Mehrfamilienhaus

Triftstraße 13 im Jahre 2011
2011 - Triftstr. 13 - so sieht das Wohnhaus heute aus

 
 

 

Wenn anfangs der Transport der Postsendungen per Postbote oder Landbriefträger zu Fuß und später mit dem Fahrrad, und danach per Bahn erfolgte, wurde ungefähr ab 1925[*] eine so genannte  "Kraftpoststrecke" von Zernsdorf nach Königs Wusterhausen eingerichtet, die in posteigenen Fahrzeugen die Post in Säcken von und zu den einzelnen Poststellen transportierte.

1931 - Kraftpostwagen auf der Dorfaue1931 - Kraftpostwagen auf der Dorfaue

Die Aufgaben der Postagenturen mussten immer auch den Bedürfnissen einer schnelleren Kommunikation angepasst werden. So ist im Amtsblatt der Regierung in Potsdam unter Nummer 395 folgendes zu lesen:
"Bei den Postagenturen in Niederlehme (Kr. Beeskow-Storkow), Senzig (Kr. Teltow) und Zernsdorf (Kr. Teltow) wird am 31. März der Telegraphenbetrieb eröffnet. - Potsdam, 28. März 1913. Kaiserliche Ober-Postdirektion."

In Zernsdorf war die "Post" im Laufe der Jahrzehnte bis zum Ende der DDR 1989 in den unterschiedlichsten Gebäuden untergebracht: 1927/1931 - Breite Str. 91/92, Postagentur - Ida Tübbecke (heute Karl-Marx-Str. 35) (das schmale Gebäude rechts der ehemaligen "Alten Schule"); um 1950 in der Niederlehmer Str.; später im Hofgebäude Friedensaue 13 und dann in der Karl-Marx-Str. 29.

 

Postagentur, 1940er Jahre (Ida Tübbecke)

Postagentur, 1940er Jahre (Ida Tübbecke)
Karl-Marx-Straße 25 (Foto um 1999)

"Alte Post" Niederlehmer Str.

Die "Alte Post" um 1950
Niederlehmer Straße

 

Erst nach der politischen Wende 1989 plante man die Zernsdorfer Post aus dem bisherigen "Schattendasein" in ein modernes und repräsentatives Gebäude in der Karl-Marx-Straße 6-8 einziehen zu lassen. Der Entwurf zu diesem Gebäudekomplex stammte von der Königs-Wusterhausener Architektin Gudrun Ludwig. Die Bauherren, die damals noch in Berlin ansässigen Rita und Hans-Jürgen Krause, planten rund 1,9 Millionen DM in dieses Doppelhaus zu investieren. 1994 wurde die Baugenehmigung erteilt.
Das Erdgeschoss teilte sich die Post (75m² Ladenfläche, Gebäudeteil links vom Treppenhaus) und ein Backwarenladen der Dahlewitzer Landbäckerei (Gebäudeteil rechts vom Treppenhaus) mit einer Sparkassenfiliale (Mittelbrandenburgische Sparkasse in Potsdam) und einem Schnell-Imbiss. Im Kellergeschoss sind Mieterkeller, Praxisräume einer Physiotherapie, technische Räume der Sparkasse und Büroräume angelegt worden. Im Ober- und im Dachgeschoss des Wohn- und Geschäftshauses befinden sich eine Einraum-, zwei Zweiraum- und zwei Dreiraum-Wohnungen.
Am 18. September 1995 öffnete sich an diesem neuen Standort die Tür für die Postkunden; die alte Poststelle in der Karl-Marx-Straße 29 schloss zwei Tage zuvor. Von den angebotenen Dienstleistungen - Brief- und Paketdienste und Postbank - wurde von Anfang an reger Gebrauch gemacht.

Aber schon drei Jahre später (1998) berichtete die Deutsche Post AG in der lokalen Presse, aus Rentabilitätsgründen viele Postfilialen im Land Brandenburg zu schließen. Auch die Zernsdorfer Filiale sollte durch eine Postagentur (ein privater Betreiber übernimmt Dienstleistungen im Auftrag der Deutschen Post AG) ersetzt werden. Aber für die Agentur in Zernsdorf wurde vorerst kein Interessent gefunden. Und so schloss sich nach letztlich immer kundenunfreundlicher werdenden Öffnungszeiten am 30. Dezember 2004 die Tür der Zernsdorfer Post dauerhaft.

Die ehemalige Post in der Karl-Marx-Str. 6-8
Von 1955 bis 2004 befand sich die Post in der Karl-Marx-Straße 6-8,
im Ergeschoss, die beiden Schaufenster links

(Foto von 2005)

Die Deutsche Post eröffnete am 10. Oktober 2007 im Lebensmittelgeschäft von Marwin Duwe in der Zernsdorfer Karl-Marx-Straße 2 eine neue Postagentur. Hier wurden neben dem Hauptgeschäft Päckchen und Pakete angenommen und auch Briefmarken verkauft.

 

Postfiliale, Karl-Marx-Str.. 2

Das ehemalige Lebensmittelgeschäft "nah und gut" mit Postagentur, Karl-Marx-Straße 2
(Foto vom 29. Januar 2012)

Aber Anfang des Jahres 2012 war auch diese Postagentur nur noch ein Kapitel in der Zernsdorfer Geschichte: Am 27. Januar 2012 schloss das Lebensmittelgeschäft, und damit auch die Agentur, die Türen für immer.
Nach drei Monaten "postloser Zeit" bot seit dem 18. April 2012 der Schreibwarenladen "Grajetzki" in der Karl-Marx-Str. 11 die Dienstleistungen einer Postagentur an. Der Briefkasten "zog" aber nicht sofort mit um, da er, auf öffentlichem Grund und Boden und im Eigentum der Post stehend, nicht abhängig vom Standort einer Postagentur ist.
Seit Herbst 2013 befindet sich der Briefkasten vor dem Schreibwarenladenvon Erwin Grajetzki (heute Sonja Rohde) und dieser wurde anfangs sogar auch sonntags geleert.

 

Postfiliale, Karl-Marx-Straße 11

Postfiliale im Schreibwaren- und Lottoladen, Karl-Marx-Straße 11
(Foto von 2014)

 

[*] Pinkow, Wolfgang: Post von Zernsdorf um die ganze Welt, DAS BLATT Nr. 07 Juli/August 2000,
    Herausgeber Heimatverein Zernsdorf e.V.

(Bearbeitungsstand: 31. August 2019)